Schweizer Selbstversorgung ?!

Schweizer Selbstversorgung ?!

1. August-Rede 2011 in Schöfflisdorf-Oberweningen

 

Freiheit und Selbstbestimmung, Tradition und Innovation, Leistungsbereitschaft und der Erfolg des Modelles Schweiz sind die klassischen Themen für die 1. August-Ansprachen.

 

Liebe Schweizerinnen und Schweizer
Liebe Gäste

Auch ich werde diese Themen aufgreifen.
Aber keine Angst, ich habe nicht in den Archiven gewühlt (resp. heute müsste ich sagen gegoogelt) und ein paar alte Reden zusammengeschnitten. Ich werde nämlich nicht über die politische Freiheit und Selbstbestimmung reden, sondern die Grundlagen und Voraussetzungen, die unsere Unabhängigkeit erst ermöglichen, nämlich die Versorgung mit den lebenswichtigsten Gütern.
An erster Stelle steht da das Wasser. Hier sind wir in der Schweiz in der glücklichen Lage, genügend Wasser in hervorragender Qualität zur Verfügung zu haben. In den wenigsten Ländern ist das Hahnenwasser von so guter Qualität, dass es gekauftem Flaschenwasser ebenbürtig ist. Und wer lieber Wasser mit Blöterli möchte, kann das mit einfachen Geräten selber beifügen. Ich habe eigentlich nur einen Kritikpunkt zu unserem Wasser. Der Kalk, der bei uns mit dem Wasser vom Lägere-Hang runtergespült wird, macht das Putzen nicht gerade einfacher.
Bei den Nahrungsmitteln sieht es schon ganz anders aus. Dass wir uns nicht mehr selber versorgen können, wissen wir spätestens seit dem 2. Weltkrieg. Heute produzieren wir zwar gelegentlich einen Butterberg oder eine Milchschwemme, aber unsere Gurken kommen aus Spanien und unsere Rinder werden mit Soja aus abgeholzten Regenwaldflächen in Brasilien gefüttert. Wenn Sie nachher am Feuer den Cervelat braten, denken Sie daran, dass auch diese urhelvetische Wurst auf Gedärme aus dem Ausland angewiesen ist.
Erinnern Sie sich noch an BSE? Die Bündnerfleischproduzenten bemühten sich damals, ihr Produkt als BSE-frei anzupreisen, mit dem Argument, dass die Rinder aus Argentinien stammen. Der Auf-schrei nach dieser Offenlegung, dass im Bündnerfleisch nicht Bündner Fleisch drin ist, sondern nur Bündner Rauch war dann aber grösser als die Angst vor BSE – und der Schuss ging damit hinten hinaus.
Natürlich gibt es auch lokale Lebensmittel-Produzenten und speziell hier im Wehntal oder bei uns im Furttal gibt es zahlreiche Möglichkeiten lokale Produkte direkt einzukaufen, was ich auch gerne mache. Zur Versorgung der gesamten Bevölkerung reichen aber unsere inländischen Produkte bei weitem nicht.
Natürlich könnte die Selbstversorgung mit Lebensmitteln gesteigert werden, wenn wir alle zu Vegetariern werden. Statt die Körner den Hühnern zu verfüttern könnten wir sie selber essen. Es gäbe dann halt Brot statt Fleisch. Doch wie sagten noch unsere Grossmütter: „Kein Brot ist wirklich hart! Kein Brot (zu haben, das) ist hart!“ Doch dies sind Merksätze einer Zeit, die heute bei uns in der Schweiz lang vergessen scheint. Wir leben heute in einer Überflussgesellschaft und nicht in einer Mangelgesellschaft mit Kriegswirtschaft.
Also, die Unabhängigkeit ist vielleicht möglich, aber ohne das Ausland könnten wir uns den aktuellen Lebensstyl gar nicht leisten. Würden wir die Grenzen dicht machen, so müssten wir uns auf Diät setzen: Bei Wasser und Brot. Ist das die Freiheit, die wir wollen?
Trotz diesen Abhängigkeiten sollte es immer noch unser Ziel sein, einen möglichst hohen Grad an Selbstversorgung und Unabhängigkeit zu erreichen. Da sowohl für die Wasserversorgung als auch die moderne Nahrungsmittelproduktion Unmengen an Energie notwendig sind, muss auch die Selbstversorgung mit Energie eine hohe Priorität haben.
Der Treibstoff für die Landmaschinen wird nämlich importiert und auch Bucher-Guyer kauft den Stahl nicht am Paradeplatz.
Neben Wasser und Nahrungsmittel ist bei den lebenswichtigen Grundlagen also die Energie ganz vorne. So benötigt die Herstellung einer Kalorie Nahrungsmittel über zwei Kalorien Energie, meist in Form von fossiler Energie. Überspitzt könnte man sagen, wir essen Öl. Wenn Sie also das nächste Mal auf einer Wanderung in unserer schönen Schweiz genussvoll in einen Energie-Riegel beissen, dann nehmen Sie das bitte wörtlich.
Aber auch die Bevölkerung selber verbraucht grosse Mengen Energie. Wir sind sehr mobil in unserem Arbeits- und Freizeitverhalten, unsere Wohnungen sind auch im Winter durchwegs 20° und wärmer. Industrie, Gewerbe und Haushalte verlassen sich auf eine äusserst zuverlässige Versorgung mit Strom, Treibstoffen und Brennstoffen. Dass diese Zuverlässigkeit keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt sich deutlich an unserem Umgang mit den Regimen von Gaddafi, Ahmadinedschad und Co. Sorgfältig sind wir bemüht gute – oder zumindest nicht allzu schlechte – Kontakte mit den Herrschern über Öl und Gas zu haben. Unsere Abhängigkeit von der Weltpolitik kommt auch klar zum Vorschein, wenn in ansonsten stabilen Ländern wie Frankreich an den richtigen – oder eben falschen – Stellen gestreikt wird. So wurden im letzten Herbst im Zuge der französischen Streiks schnell Befürchtungen über eine Treibstoffverknappung laut.
Durch die ungleiche Verteilung von nicht-erneuerbaren Energieträgern – wie Erdgas, Erdöl, Kohle und Uran – wird die Problematik von ungenügenden einheimischen Ressourcen noch verstärkt. Wir haben bei den potentiellen Energielieferanten nur eine beschränkte Auswahl. Auf politischer Ebene steht für mich deshalb eine einheimische Energieversorgung an oberster Priorität, wenn es darum geht, die Schweizerische Unabhängigkeit langfristig zu sichern. Aus Mangel an fossilen und atomaren Energie-trägern ist eine einheimische Schweizerische Energieversorgung zwangsläufig eine Versorgung mit erneuerbaren Energieträgern.
Unmöglich! Sagen Sie. Und gerade danach – zu teuer!
Ja – kosten wird es etwas, aber unmöglich ist es nicht. Die Kosten werden vor allem am Anfang anfallen – bei einer Kostenrechnung über 10, 20 Jahre oder noch länger wird die Bilanz aber besser ausfallen als bei einem Festhalten an der traditionellen Energienutzung. So kostet z.B. Photovoltaik bei der Installation. Die Unterhalts- und Entsorgungskosten sind dagegen sehr gering (und vor allem auch bekannt). Ganz im Gegensatz zu unserem heutigen Modell der Energieerzeugung und des Energieverbrauchs, wird der grösste Teil der Kosten bei der Nutzung erneuerbarer Energien von unserer Generation getragen – wir zahlen also vorher und konsumieren nachher. Was im täglichen Leben für viele eine Selbstverständlichkeit ist und zum Anstand gehört, sollten wir auch in diesem Bereich anwenden.
Die Menge der zu produzierenden erneuerbaren Energie ist das eine – aber schon hier gehen die Meinungen stark auseinander, was machbar ist und was nicht. Sir Peter Scott einer der Gründerväter des WWF sagte einmal ‚Wir werden längst nicht alles schützen können, das wir gerne hätten – aber sehr viel mehr als wenn wir es nie versucht hätten‘ .Der WWF wurde in der Schweiz gegründet und feiert in diesem Jahr seinen 50igsten Geburtstag. Unser Ziel sollte es sein, die Erfolgsgeschichte des WWF im Bereich der erneuerbaren Energien zu kopieren. Man könnte den Leitspruch anpassen zu ‚Wir können (vielleicht) nicht so viel erneuerbare Energie erzeugen, wie wir gerne würden – aber sehr viel mehr, als wenn wir es nie versucht hätten.‘ In Anlehnung an Sir Peter Scott möchte ich eine möglichst breite Verbreitung und Nutzung erneuerbarer Energien vorantreiben. Es spielt eine untergeordnete Rolle, ob wir jemals eine wirklich 100%ige Versorgung mit erneuerbaren Energien erreichen, ob wir in 10, 20 oder 30 Jahren einen grossen Teil unserer Energie aus lokalen Quellen produzieren. Wichtig ist, dass wir uns auf den Weg machen dann wird eine viel grössere Selbstversorgung im Energiebereich möglich sein.
Im Gegensatz zum WWF und dem Artenschutz haben wir im Energiebereich den Vorteil, dass es nicht ‚nur‘ um mehrheitlich uneigennützige Taten geht. Energie-Technologien sind Zukunfts-Technologien. Damit sind sie wichtige Erfolgsfaktoren für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Heute schon schreiben Schweizer Unternehmen wie Meyer-Burger, Sputnik Engineering und Kompogas weltweit Erfolgsgeschichten. Vor allem die Unternehmen im Solarbereich sind aber entscheidend auf den ausländischen Markt angewiesen. Vor der Jahrtausendwende – tönt grossartig, ist aber erst gut 10 Jahre her – war die Schweiz führend bei der installierten Photovoltaikleistung pro Kopf – heute müssen wir uns von vielen Ländern – allen voran Deutschland bei weitem schlagen lassen. Schade um die Spitzenposition – aber wir können uns diese auch wieder zurückholen.
Zürich Tourismus hat sich seit neustem den Slogan ‚World Class – Swiss Made‘ zugelegt. Auch das hat etwas (zu viel) gekostet. Was es bringt ist unklar. Klar ist, dass für den Schweizer Technologie-standort auch ohne offiziellen Slogan ‚World Class – Swiss Made‘ gilt. Investitionen in unseren Forschungsstandort mit zahlreichen Forschungsgruppen in allen Bereichen der erneuerbaren Energien und Energieeffizienz, Investitionen in Technologien von zahlreichen grossen und kleinen Schweizer Firmen im CleanTech-Bereich, – kombiniert mit Schweizer Zuverlässigkeit und Präzision – das ist das Rezept für eine starke Schweizer Wirtschaft in einem Zukunftsmarkt. ‚World Class – Swiss Made‘ im Energiesektor sichert uns ein Stück Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Freiheit.
Die Menge der Energie ist das eine, die Speicherung und Verteilung das andere. Der Umstieg auf er-neuerbare Energien ist deshalb auch verbunden mit grossen Infrastrukturprojekten – sei es im Bereich Stromnetze, Fernwärme oder vielleicht ein Wasserstoff-Verteilnetz. Infrastrukturprojekte sind immer mit grossen Investitionskosten verbunden, erfüllen aber zentrale Funktionen, die das Überleben einer Gesellschaft sichern. Denken wir nur an ein zentrales aber eher unscheinbares Element einer mittelal-terlichen Burg – den Sodbrunnen. Haben Sie auch schon einmal einen Stein in einen geworfen? Wie lange hat es gedauert, bis er unten ankam? Haben Sie sich vorgestellt, was es bedeutet, einen solchen Brunnenschacht in dieser Tiefe mit einfachsten Mitteln in den Fels zu hauen? Ich habe keine Ahnung, wie viele Monate oder eher Jahre es dauerte – und wie viele vergebene Versuche nötig waren – einen solchen Brunnen zu bauen. Da eine belagerte Burg ohne Wasser innert kürzester Zeit aufgegeben werden musste, war es den Erbauern der Burg klar, dass kein Weg an der Investition in dieses Infrastrukturprojekt Sodbrunnen vorbei führt.
Bei der Nahrungsmittelversorgung haben wir gesehen, dass wir dank Handel mit dem Ausland eine viel grössere Menge und Auswahl zur Verfügung haben – neben dem Rindfleisch, das mit brasilianischem Soja gefüttert wurde, sind auch exotische Früchte eine Bereicherung für unsere Speisekarte. Früchte also, die bei unserem Klima gar nicht wachsen würden und noch vor 50 Jahren in der Schweiz nahezu unbekannt waren. Und nicht zuletzt können wir Früchte und Gemüse, das zwar bei uns zu gewissen Zeiten wächst, das ganze Jahr geniessen – wie sinnvoll das ist, darauf will ich jetzt nicht eingehen….
Bei der Energieversorgung haben wir eine ähnliche Situation. Vielleicht können wir uns eines Tages zu 100% selber mit genügend Energie versorgen und müssen auch im Winter den Teufel, den einige in Form einer Stromlücke an die Wand malen, nicht fürchten. Sicher aber geht es besser, wenn wir unsere Kräfte mit dem Ausland bündeln. D.h. wir liefern dann Energie – oder konkret Strom – wenn wir genügend haben und importieren im Gegenzug, wenn anderswo mehr Energie anfällt. Wenn Italien im Sommer Strom braucht um Klimaanlagen zu betreiben, liefern wir gerne – und importieren dafür im Winter z.B. Windenergie aus der Nordsee. Heute schon ist der internationale Stromhandel ein gutes Geschäft für die Schweiz – und darauf wollen wir auch bei einer Umstellung auf erneuerbare Energien nicht verzichten.
Mein Fazit daraus: Mitenand goht’s besser. ‚Mitenand‘, das heisst dass alle Ihren Anteil beitragen, aber nicht jeder oder jede genau das, was er oder sie gerade im Moment und selber braucht.
Mitenand gohts besser, das ist sicher an vielen Orten anwendbar. Im grossen, im internationale Massstab, aber auch im kleinen. So geht das Festen miteinander definitiv besser als alleine. In diesem Sinne danke ich Ihnen für die Gemeinsamkeit, die durch Ihre Anwesenheit hier entsteht und wünsche ich Ihnen allen noch ein schönes Feiern miteinander.

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