Gemeinschaft und Gemeindefusion – kein Gegensatz

Gemeinschaft und Gemeindefusion – kein Gegensatz

1. August-Rede 2013 in Bachs

 

Der Einstieg ist immer das schwierigste.

Liebe Bachserinnen und Bachser
Liebe Gäste

Das haben wir gemerkt, als wir vor zwei Wochen auf der Aare ins Kanu gestiegen sind. Statt uns abzustossen, hat mein Mann das Kanu umgestossen! Sofort ist das Kanu vollbepackt und kieloben davongetrieben. Mein Mann und ich haben uns daran festgeklammert, uns gegen die Strömung gestellt und versucht, das Kanu festzuhalten. Der Sohn schwamm dem Sack mit den Schlafsäcken und Mätteli nach. Diesen hatten wir als einziges Gepäckstück nicht gesichert, da wir es gut eingeklemmt unter dem Sitz wähnten. Die Tochter hat die Paddels eingesammelt, die wir loslassen mussten. Trotz des missglückten Einstiegs haben wir es so innert kürzester Zeit wieder in geordnete Bahnen geschafft und waren stolz auf unser Teamwork als Familie.

Mit diesem Ferienerlebnis habe ich auch meinen Einstieg in die Rede geschafft und bin beim klassischen 1.August-Thema Gruppen und Gemeinschaften angekommen.

Solche Erlebnisse in kleinen Gruppen oder Dorfgemeinschaften schweissen die Leute zusammen.

Am Schüür-Fest habt Ihr fast das Dreifache der Dorfbevölkerung als Gäste gehabt. Ihr habt eine Korbballmannschaft, die auf Schweizer Niveau spielt. Und bei den vielen Vereinen und Aktivitäten, die es in Bachs gibt, ist wohl jede Familie irgendwo dabei. Da haben Sie sicher haufenweise Erlebnisse aus Ihrem Dorfleben zu berichten, die Sie als Dorfgemeinschaft ausmachen. Nicht zuletzt zeigen Sie auch mit der Teilnahme an dieser 1.-August-Feier, dass Ihnen Ihre Dorfgemeinschaft wichtig ist.

Aber trotz allem und auch wenn Sie – zu Recht – stolz sind auf Ihre Eigenständigkeit als Gemeinde, haben Sie doch gemerkt, dass die Aufgaben für die Gemeinde und die Behörde immer grösser und schwieriger werden. Bei Ihnen ist zwar der Anteil der Bevölkerung, der in einer Behörde aktiv ist, grösser als in anderen Gemeinden der Anteil der Leute, die an eine Gemeindeversammlung gehen. Aber um alle Anforderungen, die heute an eine Gemeinde gestellt werden, personell und finanziell bewältigen zu können, braucht es immer mehr.

Darum steht jetzt eine grössere Gemeinschaft zur Diskussion – eine Gemeindefusion. Das eingespielte Team Bachs soll in Zukunft als Teil einer grösseren Mannschaft spielen. Der Gemeinderat ist schon in diese Richtung aktiv geworden, aber sicher gibt es auch Stimmen, die diesen Schritt kritisch gegenüber stehen. Ich kann gut verstehen, wenn diese Pläne Befürchtungen weckt, dass der Teamgeist – oder eben der Dorfgeist – verloren geht.

Dass eine grössere Gemeinschaft aber auch mit zusätzlicher Hilfestellung verbunden sein kann, haben wir gerade auch am ersten Tag unserer Kanureise erfahren. Als wir auf dem Campingplatz ankamen und gerade dabei waren, unser Zelt aufzustellen, ging ein Wolkenbruch los. Der hat uns jede Hoffnung genommen, unsere nassen Schlafsäcke zu trocknen. Wir standen also etwas ratlos vor dem einzigen, voll belegten Tumbler des Campingplatzes und begannen, die nassen Sachen in den Duschräumen aufzuhängen. Eine Mit-Camperin hat dies beobachtet und uns ihren Föhn angeboten. Dank ihr sind wir so zu einer angenehm trockenen Nacht gekommen.

Aber zu viel muss ich Ihnen über das Prinzip ‚Mitenand goohts besser‘ nicht erzählen. Auch jetzt schon bestehen in Bachs auf verschiedenen Gebieten Zusammenarbeiten über die Gemeindegrenzen hinaus – vor allem natürlich mit den zürcherischen Gemeinden.

Dass es über die Kantonsgrenze etwas schwieriger wird, merke ich auch aus Otelfinger Sicht im täglichen Leben. Noch immer gibt’s hin und da eine S-Bahn, die in Otelfingen kehrt, statt nach Baden weiterzufahren – und regelmässig stehen dann verwirrte Reisende auf dem Perron und fragen sich, ob es schlauer ist, zu Fuss in den Aargau zu laufen oder auf die nächste S-Bahn zu warten.

Dass manchmal ‚ännet‘ der Kantons-Grenze das Feuer anders brennt, haben wir ja genau heute vor ein paar Jahren erfahren. Wegen trockenem Wetter – aber trotz Regen am 1. August – gab es im Kanton Zürich ein Feuer- und Feuerwerksverbot. Im Aargau dagegen nicht. Von unserer Terrasse aus konnten wir das Aargauer Feuerwerk bewundern, das einen starken Kontrast zum dunklen Zürcher Himmel bildete. Dieser ‚Kantönligeischt‘ wird immer wieder kritisiert. Aber doch ist es so, dass die Schweiz als Ganzes und mit all ihren regionalen Eigenheiten gut funktioniert.

Nicht viel weiter weg von Bachs als die Grenze zum Aargau liegt Deutschland und damit die Frage, ob die Flieger ‚ännet‘ der Landesgrenze anders lärmen als bei uns. Die Grenze zu Deutschland ist auch die Grenze zur EU, was noch zu ganz anderen Themen Anlass gäbe – aber ich kann Sie beruhigen, daran will ich mir heute nicht die Finger verbrennen.

Viel lieber komme ich zurück zum Dorf und der Dorfgemeinschaft. Ich bin in Anglikon im Kanton Aargau aufgewachsen. Anglikon ist vor 99 Jahren in Wohlen zwangs-eingemeindet worden. Die Angliker haben sich beim Bau eines Schulhauses – das sie übrigens auf Anordnung des Kantons bauen mussten – finanziell ‚überlüpft‘. Trotz zweifachem Rekurs von Wohlen hat der Kanton die Fusion beschlossen. Ich bin meine ersten 5 Jahre in diesem Schulhaus zur Schule gegangen und es ist heute noch als Schulhaus in Betrieb. Die Lehrerin und der Lehrer der zwei Mehrjahrgangsklassen haben beide in Anglikon gewohnt. Trotz der recht langen Zeit als fusionierte Gemeinde habe ich Anglikon neben dem schulischen Bereich auch politisch und im Vereinsleben immer als eigenständiges Dorf wahrgenommen. Auch jetzt noch – mit vielen Neuzuzügern und einem Zusammenwachsen der Siedlungsstrukturen zwischen den beiden Dorfteilen – besteht noch ein Angliker Dorfgeist.

Ich wünsche Ihnen für die Zukunft, dass Sie Ihre Dorfgemeinschaft weiter erhalten und pflegen können. So soll auf alle Fälle ‚d’Chile im Dorf bliibe‘ – auch wenn vielleicht einmal das Gemeindehaus oder sogar das Schulhau nicht mehr im Dorf stehen. Für heute wünsche ich Ihnen einen ganz schönen und geselligen Abend. Stossen Sie an auf die Schweizer Eigenheiten und Ihre Gemeinschaft und ‚Häbed Sie’s guet!‘.

1 Kommentar

  • Barbara Schaffner Posted 27. August 2015 9:19

    Das grösste Komplimente zu meiner Rede: „Schade waren Sie so schnell fertig. Ich hätte gerne noch länger zugehört.“

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